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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Das Genetz sind wir!

Von Einem der auszog, das Wissen zu lernen

Seit einigen Monaten schreiben sich die Damen und Herren Experten über das neueste Neu die Finger wund. Da werden Dualismen erfunden wie “die analoge und die digitale Welt” oder es werden (ethiklose) Diskussionen um Wahrnehmungsbarrieren (Netzsperren) für die Dokumentation abartiger Krankheiten mithilfe von Studienergebnissen ausgefochten, die deutsche Laien-Ministerien ungeprüft von “Instituten” abschreiben. Und dann kommt ein Wochenmagazin daher und macht alles kaputt. In bodenlosem aufklärerischen Impetus werden die bösen Menschen und die guten und die dazwischen dokumentiert. Die Einen leben ihre bösen Motive im Netz aus. Das taten sie zwar auch schon vorher, aber im Netz kann es jeder sehen. Das bedeutet wohl eine neuen Kategorie für den geplagten Journalisten, dass er jetzt nicht mehr “Blue Velvet” oder “Hard Candy” im Kino sehen muss, um die ganze Welt des Menschseins wahrzunehmen. Und das Blöde an den ungeschminkten, abstoßenden Wahrheiten im Netz ist vor allem die Tatsache, dass die Guten so hilflos und machtlos sind, weil die in der Mitte einfach mal ihre Freiheit genießen wollen.

Herr Schäuble hat doch damals mit seinem 100.000Euro-Koffer auch niemandem Schaden wollen. In bester Absicht wurden und werden Parteispenden eingesammelt und ausgegeben. Würde Möllemann noch leben, er könnte das bestätigen. Stellen Sie sich vor, dass die Geldübergabe für alle sichtbar über eine Parkhauswebcam direkt ins Allerheiligste eines Kinderzimmers übertragen worden wäre!. Seien wir froh, dass es damals schon die Stoppschilder für derlei…

Foto: duan_j

Foto: duan_j

Oh. Ich erfahre gerade, dass das hier nicht zur Debatte steht.
Also weiter: Das böse der Welt. Lieber Georges Bataille, nicht jetzt mit der Transgression kommen. Unsere Gesellschaft hat ein ernstes Problem. Echt jetzt.
Plötzlich kamen mit dem Web die Plagen über uns. Unterschichtskommentare von Teenagern, Bankmitarbeiter mit riesigen Tatoos und Harleys, Wettsaufen in Mallorca oder gar Gangbang in der Berufsschule um die Ecke. All das hätte es doch ohne das Netz nicht gegeben. Seien wir doch mal ehrlich. Früher die Langhaarigen, dann die Grünen und nun die Piraten. Die sollen mal lieber was Anständiges tun, wie Rumsaufen beim Bundesligaspiel oder nachher die Vorortzüge vollkotzen und 50 Bierpullen zertreten, halt eben was ordentlich Bürgerliches.

Aufklärung: Die Kultur gegen Entgrenzung

Halt Bataille. Jetzt doch Du wieder. Entgrenzung. Das war damals ein dolles Thema, als Du mit den “Tränen des Eros” ein Buch auf die Welt brachtest um der modernen Welt ihre Scheinheiligkeit um die Ohren zu hauen. Warum?

Die Aufklärung führte das Individuum ein und tötete damit die Gemeinschaft. Die Familie blieb als Krüppel zurück. Die Ewiggestrigen, die sich nach Clans oder Sippen zurück sehnten und mit dem Mensch als Bürger so gar nichts anfangen konnten, mussten in Sekten gehen, um sich aufgehoben zu fühlen. Noch heute muss derjenige, der das seelische Verlangen nach Integration in eine Gruppe verspürt, zuerst seinen Glauben erkennen. Denn gesellschaftlich anerkannt ist diese kommunale Gebundenheit nur bei Religionsgemeinschaften. Daher kommt auch dieser enorme Sog, der von Fundamentalisten ausgeht. Wer aber eine spezielle Vorliebe hat für Kronkorken aus aller Welt, oder dänische Motorräder oder eben abartige Praktiken, der findet niemanden – außer im Netz. Dieses Teufelszeug ermöglicht es, ohne jeden politischen Bezug einfach per gemeinsamem Interesse eine lose Verbindung zu anderen einzugehen. Man kann das als demokratische Freiheit auffassen. Aber ich habe den leisen Verdacht, dass es um anthropologische Ursachen geht.

Demokratie im Netz: Du sollst keine Gemeinschaft haben neben mir

Auch die Politiker wissen, dass das Problem weit tiefer steckt und sich mit Datenschutz oder Netzneutralität nicht abspeisen läßt. Wer die Diskussion um geistiges Eigentum verfolgt hat, und nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, der hat gemerkt, dass die Deutungshoheit in Gefahr ist. Was die Verleger noch als Machtverlust begreifen oder schlicht als Einkommensausfall, das sehen die politischen Kräfte prophetischer als Abdanken der institutionalisierten Demokratie. Wer braucht die Vereinsmeierei und Gehorsamsmaschinerie der Parteien, wenn er sich Gleichgesinnte anhand der Interessen oder Sehnsüchte nach Belieben aussuchen kann? Dann wird doch alles beliebig und wir haben keinen Zug mehr drinnen. Dann macht jeder, was er will.
Im Management nennt man das übrigens Open Space Technology. Eine Maßnahme um in großen Gruppen die wichtigen Punkte parallel zu diskutieren und umgehend in operative Umsetzung zu kommen, um mehrere Alternativen gleichzeitig auszuprobieren. So ein Organisationmodell ist erfolgreicher als die Kommandostrukturen der feudal geprägten Parteien. Es ist auch effizienter als strategische Planung, die sich immer nur in der größtmöglichen Aufnahme an Informationen ergeht.

Information plus X ist gleich Wissen

Ja, und da haben wir schon das nächste Stichwort. Google, der letzte der Dinosaurier, ist das große böse Tier mit den vielen Köpfen. Soziale Netzwerke und Reputation Manager sind die neueste Kuh, die durchs Dorf läuft. Mit Google glauben sie und viele anderen Medienexperten, dass die enormen Menge an Daten korrelieren mit etwas das wir Wissen nennen. Sie stützen sich auf die kaum beweisbare These, dass einzelne Daten Fakten sind, und ein Haufen von Fakten im Kontext geordnet zu einer Information wird und durch Aufnahme per Auge oder Ohr zu Wissen kondensiert. Daher haben sie Angst vor zwei ehemaligen Stanford-Studenten, die aufgrund einer Magisterarbeit Milliardäre sind,  und die nun hoffen mit ihren Milliarden an Worten und Zahlen das größte Gedächtnis der Welt aufzubauen, um dereinst alle Fragen beantworten zu können und damit die reichsten Männer der Welt zu werden.

Im Ernst. Die meinen das mit vollem Ernst.

Die wollen nicht die Welt beherrschen, sie wollen sie wissen. Jeder Küchenpsychologe könnte erklären, was deren Motivation ist. Das geistige Eigentum ist nicht das Problem – wer klug ist als Verlagsmensch liest dies hier zum Thema. Es sind die Adepten der Religion des Codes namens Schrift oder Zahl. Die sind etwas einflußreicher geworden seit dem Internet, und haben die Adepten des Geldes verdrängt. Was können die schon anrichten?
34 Yachten, 25 Villen und Schmuck für 45 Millionen Dollar besitzen. Jeder hat diese bedauernswerten Kaufsüchtigen schon in den Promi- und Klatschmagazinen gesehen. Einer von denen ist gerade unter mysteriösen Umständen gestorben. Es könnte sein, dass ihm die Leere seines Lebens zu sehr schmerzte. Es könnte aber auch sein, dass es die Fülle an Informationen war, die über ihn in der Welt herumkreiste.

Information ist das neue Neu in dem alten Spiel namens “Territorien besetzen”. Kleine lustige Spielereien namens Application, die Kunden ausschnüffeln, füllen die Datenbanken und damit die Taschen der 1001 Berater und der Softwarefirmen. Daten sind kein Wissen. Es sind künstlich geschaffene Antworten auf die Fragen aller Menschen, seien sie Verkäufer, Manager, Rat Suchender oder eben Unterhaltung Wollender. Ob Analysetools oder tagliche Soap-Opera, der Zweck ist derselbe: Wir werden für dumm verkauft indem wir mit vermeintlichem Wissen überhäuft werden. Seien es Arbeitgeberverbände, Institute oder ThinkTanks, die Studie verbreiten, all diese Quellen arbeiten an demselben Prinzip wie die beiden Google-Gründer. Sie machen es Diderot nach, der glaubte, den Menschen mit seiner allwissenden Müllhalde namens Enzyklopädie die Freiheit zu verschaffen. Und zuguterletzt erkennt das weise Wochenmagazin, dass man mit der zweiwertigen Logik aus richtig und falsch, ja und nein nur verrückt werden kann, wie der Systemtheoretiker Fritz B. Simon feststellte. Achja, ist das Binäre aber auch banal. Und dann wird in das Bürgerhorn geblasen. Und der moderne Bürger wird zum Netizen erhoben und erhält kein first und second amendment. Denn das Wochenmagazin wirft heiter ethische Fragen mit ökonomischen Erwägungen, das Marktgeschehen mit Freiheitsrechten und die freie Meinungsäußerung mit geistigem Eigentum in den Topf namens Internet. Man glaubt dort offenbar – ganz wie die ersten Menschen – dem Vater gedient zu haben, wenn man jedem Tier unter der Sonne ein Etikett aufgeklebt hat, dann klappt’s auch mit dem Baum der Erkenntnis.

Ansammeln erzeugt ein sich selbst einschließendes Zentrum – das trennt, ausschließt -, und was eingeschränkt ist, ist niemals frei, daher kann der Erfahrende niemals verstehen.

Jiddu Krishanmurti

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8 Kommentare

  1. Da hat er Recht der Kanzleramtsminister, dass Internet muss ganz genauso eingeschränkt werden wie die Hedge-Fonds und Banken seit der Bankenkrise, weil es ähnliche Schäden in Billionenhöhe versursacht hat. Die Schrödergesetze zum steuerfreien Verkauf von Firmenbeteiligungen sind noch nicht zurückgenommen, die Verbriefung wird weiter forciert und die Buchungskreativität für Banken wird weiter in Richtung Lyrik erweitert.
    Insofern, wenn ein Analogie erlaubt sei, müsste es nun eigentlich erlaubt sein anonym und steuerfrei online einzukaufen und erst zu bezahlen, wenn man alle Einkaufsbeträge zu einem Gesamt von 100.000 EUR zusammenfasst, diese Paket dann als AAA-Anlage an den Staat verkauft und nach Erhalt der 100.000 EUR dann auch noch Konsumausfall-Forderungen stellt, weil ja die Onlineshops keine Geschäfte mehr mit einem tätigen wollen.

  2. Aha, jetzt wird klar, für wenn dieser Spiegel-Artikel die Steilvorlage war:

    Thomas de Maizièrere aus dem Bundeskanzleramt.

    http://www.rp-online.de/public/article/politik/deutschland/742951/Schaerfere-Regeln-fuers-Internet.html

  3. Werde nun nachträglich das Wochenmagazin lesen aber Danke schon jetzt.

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