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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Clay Shirky erklärt, was deutsche Verlage und Sender noch nicht verstehen wollen

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Folgende Schlagwörter: Die Kommunikation, medien, verlag

11 Kommentare

  1. Oh. Naja. Da bin ich mir auch nie einig geworden, wie er dazu steht. Zwei Dinge lassen sich da aber zu seiner Verteidigung vorbringen.

    1. Selbst wenn es einen solchen “abstrakten” Textbegriff schon vorher gab, im Mittelalter war er nicht mehr Teil der europäischen Schriftkultur. Illich zeigt – in dem überigens nur ca. 80 Seiten starkem Essay – sehr schön, wie das europäische Schrift- und Buchwesen zu dem Zeitpunkt aussah. Wichtig ist nur der Punkt, dass erst Technologien UND Wille einen kulturtechnischen Wandel hervorbringen.

    2. Ich glaube, dass es möglich sein könnte, dass wir unseren modernen Textbegriff rückwirkend auf Werke wie die Ilias und die Odysee angewendet haben, damit aber der Praxis dieser “Werke” im Kontext ihrer Entstehung und ihrer Rezeption und ihres Überdauers, bis zur Ankunft der modernen Editonspraxis nicht gerecht werden. Vom Hamlet (dessen Shakespearsche Inkarnation ja sogar erst 1601 entstand) weiß ich inzwischen genug, als dass es mir als absurd vorkommt von “dem Hamlet” zu sprechen. Alleine die Teile die (mehr oder weniger verbrieft) von Shakespear sind, sind mehr ein organischer, nichtlinearer Garten, als die lineare Buchstaben-, Wörter-, Satz-, Handlungs-, Erzähl-Folge, die uns in Reclam-Heftchen heute verkauft wird.

    Und dieser “Text” ist “nur” 400 Jahre alt. Ich will mir gar nicht ausmalen, was für ein vielfältiges Leben die Ilias wohl hinter sich haben könnte. Ganz wichtig “könnte”. Will ich doch nicht ausschließen, dass durch weise Behandlung, Einsicht und Glück ein solcher Sprachwerk die Jahrtausenden unverändert überdauert.

  2. Welche Aufgaben haben dann also die Aufzeichnungen von Platon, Aristoteles oder gar der Vorsokratiker? Das sind zu murmelnde Texte, die keinerlei Veranlassung als Reproduktion für andere hin sind. Ich glaube, da gibt der Illich den dark ages besondere Bedeutung, die ein Text schon früher erlangt hatte. Ich sehe hier mal von Gilgamesch und der Illias ab oder gar den umfangreichen “Diskussionen” auf den Mayatempeln…
    Sollte ich den wohl mal lesen den Illich, oder…

  3. Ah. Oh. Also auf den Buch-Druck wollte ich eigentlich gar nicht hinaus. Aber ich predige es viel zu gerne, als dass ich mir die Steilvorlage entgehen lassen würde. Aaaalso.

    Illich sagt im “Weinberg des Textes”, dass unser Konzept von “Text”, das auf einem abstrakten “Wortlaut” basiert, der über einzelne Exemplare eines Buches oder ganze Ausgaben hinweg stabil ist, erst im 12. Jh. “erfunden” wurde, als Ablösung des rein klerikalen, ausschließlich Lateinischen und nur zu murmelnden “Text”-Konzeptes. Der spanneden Punkt der Illich und Shirky verbindet: Diese Änderung, die dem später folgenden Buchdruck erst (gedanklich) möglich gemacht hat, ist zwar mit Hilfe technischer Neuerungen (Minuskel, Leer- und Satzzeichen, Layout) entstanden. Diese Techniken war da aber schon alt. Erst der gesellschaftiche Willen des im 12. Jh. aufstrebenden Bürgertums, Schrift auch für ihre Zwecke zu nutzen, hat die moderne Verwendung von Schrift in Form von nachhaltigen, zuverlässigen, reproduierbaren “Texten” hervorgebracht.

    Es ist der gesellschaftliche Bedarf und der Wille, der aus einer Technologie eine Kulturtechnik macht.

  4. Ja, dass der Buchdruck bedeutend älter als Gutenberg ist und er “nur” die beweglichen Lettern erfand, ist sicher auch so eine Spitzfindigkeit, die nicht bis den Professorenstellen der unzähligen Medienwissenschaftlern durchgedrungen ist. Ich erinnere gerade ein Werbevideo von der FH Darmstadt, das einen Medienstudiengang sehr reißerisch in eine Reihe von den Höhlen von Lascaux über die alexandrinische Bibliothek bis zum “Buchdruckerfinder” Gutenberg stellt und sich damit in einer Weise lächerlich gemacht hat, die das ganze Ausmaß des Unverständnisses der sozialen Dimension der Entwicklung rund um das Web pittoresk bebildert. Dort ist man wahrscheinlich noch dabei die klassische Logik zum bibliophilen Einsortieren der Webinhalte mit allerlei semiotischem Halbwissen aufzuladen…

    Textkritik und historische Präzision ist ja nicht unbedingt die Stärke der Applied Sciences, das gebe ich wohl zu. Man muss aber vor allem Shirky im Gegensatz zu den vielen selbsternannten Experten im deutschsprachigen Raum zugute halten, dass er sehr gut erkennt, was Spielerei, sozialer Gebrauch und effektives Mittel zum Gestalten der Lebenswelt ist. Der pseudoökonomische Blick vieler “Experten” läßt dieses Nutzen des Mediums allein deshalb nicht zu, da ja der Konsument stringent passiv gedacht wird und somit ein klares Marktgeschehen qua Eindimensionalität und limitierter Fachtermini gar nicht erkannt oder diskutiert werden kann. Es geistert halt noch die Dummie-Puppe des Rezipienten durchs akademische Dorf und harrt ihrer radikal-konstruktiven Neubestimmung…

  5. Als begeisterter Ivan Illich Fan würde ich ihm ja widersprechen wollen uns sagen, dass der Revolution des Buchdrucks zuvor er die viel wichtigerere Revolution der Sakralisierung und Abstraktion des Sprachbegriffes und damit die Entstehung des Text-Begriffes voran gegangen ist. Aber das ist Texttechnologen-Fachchinesisch.

    Viel wichtiger finde ich den Satz, den er kurz vor Schluß fallen läßt “A mature use of this medium”. Genau das ist es, was es Verlagen aber auch der deutschen Gesellschaft derzeit schwer macht. Ein erwachsener durch DENKEN gerechtfertigter Umgang mit dem Medium.

    Bruhigender Weise hat uns Marshall McLuhan gelehrt, dass diese Periode der Ankunft eines neuen Medium immer von Utopien und Dystopien begleitet wird und erst nach diesen Extremen ein vernünftiger und erwachsener Umgang mit dem Medium einsetz.

  6. Hi Torsten,

    dass der Vortrag nicht revolutionär ist, liegt zum Einen daran, dass Shirky Bestehendes und Gewesenes berichtet. Welche Schlüsse er daraus zieht, ist in Bezug auf die Analyse und Diagnose der deutschen Medien hingegen geradezu diametral entgegengesetzt. Es ist in deutschen Medien, vor allem deren Vertretern wie Ziesemer und Frey, eine Denkunmöglichkeit, dass Konsumenten gleichzeitig zu Produzenten werden. Die lustige Metapher des Rauschens aus der Informationstheorie, die als Existenzgrundlage der Journalisten als Filter für dieses Rauschen herhalten soll, entwickelt sich zum Boomerang. Warum sollen die Leser und Webnutzer nicht selbst entscheiden, welche Information ihnen wichtig oder hilfreich oder vertrauendwürdig erscheint. All die Diskussionen um sehr gut bezahlte Nebenjobs der Qualitätsjournalisten (auch im Netzwerk Recherche gibt es solche). Schleichwerbung, Unterwanderung der Presse und des Rundfunks durch PR-Inhalte etc. pp haben nur in wenigen Fällen eine gut darstellbare qualitätssteigernde Treiberfunktion der Journalisten in Bezug auf Inhalte und Nachrichten gehabt. Dies betrifft vor allem den investigativen Journalismus und mitnichten den Mainstream-Journalismus…

    Das Filtermedium ist also die Gemeinschaft der Leser selbst. Man braucht also wie in klassischer wissenschaftlicher Manier mehrere Quellen, um Inhalte validieren zu können. Da hilft das Abschreiben der Agenturmeldungen wenig, vor allem gegen das Rauschen ist diese weit verbreitete Tugend gänzlich ungeeignet, da keiner weiß, mit welcher Veranlassung Agenturmeldungen in der Art erscheinen wie sie es tun.

  7. Hallo,
    na so revolutionär is der Vortrag nun aber auch nicht gewesen und ein paar entscheidende Punkte fehlen zudem, aber das sei ihm geschenkt. Dafür war es nicht der richtige Rahmen. TED ist nun mal ein Ideenforum.

    Ein wichtiger Hinweis scheint mir jedoch zu sein, dass die Information in den Links zwischen mehreren Akteuren zwar viele Informationen enthalten und diese auch exponentiell anwachsen. Links = N x (N-1)/2
    Diese Links haben aber enorm viel “Rauschen”: Patterns = 2^L

    Es braucht also wieder ein Medium, das diese Information filtert. Und wenn nun alles schlecht läuft, ist das am Ende wieder eine Zeitung (zwar etwas schneller und verlinkter und interaktiver als früher, aber im Kern das Gleiche).

    Danke für den Post!

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