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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Clay Shirky: Does the internet make us smarter?

Clay Shirky, der berühmte Redner zum Thema Social Web, hat sich einen Werbeartikel zu seinem neuen Buch geschrieben – und zwar im Wall Street Journal. Offenbar spricht er jetzt nicht mehr zur Gemeinde sondern zu seinen zukünftigen Beraterkunden. Das könnte erklären, warum der Artikel so seltsam platt und unausgegoren daherkommt.

Einmal mehr wird die Erfindung der beweglichen Lettern durch Gutenberg zum Brandbeschleuniger der Emanzipation der Gesellschaft erklärt. Ohne den Buchdruck, so Shirky, wäre der Siegeszug der Reformation kaum so verlaufen. Das intellektuelle Leben Europas wurde durch die Flut an Publikationen in tausend Teile zerlegt und Chaos sei die Folge gewesen. Aus Shirkys Sicht ist das, was folgte, nämlich unsere neue Ordnung des Geschriebenen in fiktionale und nicht-fiktionale Druckwerke einfach eine neue Normierung, die das intellektuelle Leben befruchtete und nicht hemmte. In einem Analogieschluß sieht er auch das Web als so eine technisch inspirierte Revolution, die durch Wikipedia, ushahidi und andere Web-Projekte unser intellektuelles Leben auf eine neue Stufe hebe.

Da kommen mir doch erste Zweifel. Eine derart geringe mentale Differenzierungsleistung hatte ich Shirky gar nicht zugetraut. Ushahidi (swahili für Zeugenaussage) ist eine Web Plattform, die 2008 in Kenya während der Unruhen nach den Wahlen benutzt wurde, um in Echtzeit und mittels web oder Handy direkt auf einer Karte auf dieser Website anzuzeigen, wo gerade Gewaltverbrechen stattfinden. Der Ursprung liegt im Kenianischen Bürgerjournalismus. 45.000 Menschen machten damals Gebrauch von diesem Mittel, um dem eigenen Land, Journalisten und den Politikern den aktuellen Stand darüber zu zeigen, in welchen Regionen was passierte – direktes, soziales Feedback der Bürger in Echtzeit! Schutz und Kontrolle von und durch Menschen von nebenan.

Wikipedia ist ein sehr kleiner Zirkel von arrivierten Freiwilligen, die in jedem Sprachgebiet hoheitlich darüber wachen, was zu einem bestimmten Begriff im Online-Lexikon steht. Diese Texte sind sehr weit von einer Echtzeit-Dokumentation der Diskussionen über ihren Inhalt entfernt. Nicht selten werden die Modernisierungen und Korrekturen, die Fachleute durchführen wollen, durch die “Alten Hasen” wieder zurückgenommen. Sie rekrutieren sich nicht selten aus akademischem Personal. In Deutschland funktioniert das akademische Leben aber noch immer sehr stark nach dem Prinzip Gehorsam. Das heißt, dass in nicht wenigen Fachbereichen diejenigen zügig einen Doktorvater bekommen, die sich seinen/Ihren Wünschen besonders gut anpassen. Das führt nicht selten dazu, dass die wirklich guten und klugen Köpfe ihre postgradualen Abschlüsse im Ausland oder an fremden Unis erwerben müssen – oder es einfach aufgeben. Diese Hierarchiestruktur aus dem 19. Jahrhundert hat sich auch zum großen Teil bei der Wikipedia etabliert. Bürgerjournalismus, bzw. in diesem Fall Bürgerexpertise findet also mitnichten in einer vergleichbaren Weise statt wie bei ushahidi. Auch wenn man die amerikanische Wikipedia etwas anders sehen muss hinsichtlich der Offenheit der Strukturen.

Der wesentlichw Punkt ist jedoch, dass man keine neue Art von intellektuellem Leben durch das Web postulieren kann, ohne die Normierungsphase (fiktionales und nicht fiktionales Schreiben) abzuwarten, die vom Web ausgeht, wenn der Vergleich zwischen Gutenberggalaxis und Webgalaxis überhaupt bestand haben soll.

Der Hinweis von Shirky, dass Peer Review (also das Begutachten von wissenschaftlichen Arbeiten im Kreis der weltweiten wissenschaftlichen Gemeinde) die Qualität oder Verlässlichkeit der wissenschaftlichen Revolution via Web regelt, hinkt. Man braucht dieses Argument gar nicht per Wikipedia zu verlängern. Denn schon im postmodernen Methodenkanon der Wissenschaftstheorie klappt dieses Postulat als Verbesserungsmechanismus nur allzu selten. Denn es wird enorm viel publiziert. Und diejenigen, die wirklich Erfahrung, Expertise und akademische Renommee (also die Mittel haben) um Zweifel zu überprüfen, müssen ihrerseits sehr viel Zeit aufwenden, um selber viel Neues zu publizieren. Zeitmangel und Oberflächlichkeit sind die Folge. Die Flut der Wissensausflüsse in Wissenschaftsmagazinen hat es schon vor dem Web gegeben. Und auch die Ohnmacht vieler Fachbereiche, all die Arbeiten wirklich ausreichend mit Experimenten oder anderen Prüfverfahren auf Herz und Nieren zu validieren. Da hat das Einbeziehen Freiwilliger bei Wikipedia in keiner Weise eine neue Qualität entfacht, die auf das intellektuelle Leben neuartig normierend zurückwirkt. Lediglich der Ton der “internen” Diskussionen wird bei Wikipedia nicht selten unsachlich, persönlich und prädemokratisch geführt. Es liegt also eher eine Regression als eine Weiterentwicklung vor.

Auch der Hinweis auf open source, die ohne Managerkontrolle sozusagen einfach so aus einer Gemeinschaft Freiwilliger emergiert, läßt den Hinweis zu, dass Shirky entweder wirklich glaubt was er schreibt oder eine Mission hat, die er nicht verrät. Gerade die bekannten Open Source Projekte sind deshalb noch immer erfolgreich, weil sehr wenige Köpfe entscheiden und kontrollieren, was wie realisiert und integriert wird. Stellvertretend möge sich der geneigte Leser die Entwicklung von Linux genauer ansehen. Die Abwesenheit von “managerial control” wie sie Shirky beschreibt ist dort mitnichten erkennbar sondern – im Gegenteil – ist der Fokus auf wenige Entscheider eher der Grund für den lang anhaltenden Erfolg.

Das Problem der Zerstreuung des intellektuellen Fokus, dass schon Schirrmacher wie eine Monstranz vor sich hertrug, bewertet Shirky als eien historische Konstante, die auch schon den Buchdruck begleitet hatte, als er schreibt, dass es bereits 100 Jahre vor den ersten wissenschaftlichen Magazinen erotische Literatur gab. Ich würde da zwar eher an anthropologische Konstanten denken oder an Maslows Bedürfnispyramide, aber Schwamm drüber. Shirky meint, dass die Antwort auf die mentale Zerstreuung durch die vielen Informationsquellen in sozialen Strukturen läge. Schirrmachers Ängste würden unterstellen, dass in der Vergangenheit alles perfekt gelaufen ist hinsichtlich des Umgangs mit Wissen, dass wir aktuelle Leser nur dummen Quatsch vorfinden und dass die aktuelle Generation keine neuen Normierungsvorgänge realisiere.

Shirky erklärt, dass wir kurz vor dem Siegeszug des Web, also in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts deutlich weniger gelesen haben, weil wir mehr vor der Glotze saßen, womit das erste Argument der Webpessimisten widerlegt sei. Der gegenwärtige (verwerfliche) Fokus auf Wegwerf-Medieninhalte hätte anders als sonst eben den Vorzug zum Wegwerfen gemacht zu sein – man könne also sowohl in Buchläden wie auch im Web verfolgen, dass der Mist, der überflüssig sei, sehr schnell wieder verschwinde. Man müsse sich also nur auf das konzentrieren, was bliebe. Der einzige Stress, dem wir ausgesetzt seien, sei der, dass wir die Generationen seien, die erlebten, dass alte und neue Institutionen parallel um unsere Aufmerksamkeit buhlten. Dieser Überfluß aber sei kein Übel. Wir müssten einfach angesichts der neuen technischen Möglichkeiten neue Institutionen und neue Fähigkeiten entwickeln wie wir das schon einmal taten.

Ja, das haben wir eigentlich schon vor 10 Jahren ziemlich genauso überall gelesen. Leider tun sich gerade diejenigen, die sehr hoffnungsfroh und voller Zuversicht über die Chancen des Web sprechen, sehr schwer damit, neuen Fähigkeiten und Institutionen klar zu benennen. Shirky bleibt ein weiteres Mal im Nebel, den auch schon sein Counterpart Nicholas Carr verbreitet. Einfach ein paar Projekte aufzuzählen und in eine Argumentationkette einzubauen, erinnert stark an das Schirrmachersche Indienstnehmen beliebiger Experimente, um seinen Meinungen einen positivistischen und damit irgendwie faktischen Anstrich zu verleihen. Aber Meinungen werden durch Fakten nicht zu begründeten Annahmen oder gar Hypothesen. Sie müssen auch eine Fähigkeit haben, Phänomene zu erklären. Diese Aufgabe eines Denkmodells fehlt noch immer – sowohl bei den Adepten des Web wie bei den Bedenkenträgern. So verbleibt der intellektuelle Diskurs zum Thema soziale Struktur Web in einem Sammelsurium aus Kennst-Du-noch-nicht und darauf aufbauenden Tastbewegungen der Selbstvergewisserung. Macht wenig Zuversicht.

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1 Kommentar

  1. Warum nur Beobachten? Analyse reicht mir nicht aus.

    Wieso macht man sich keine Gedanken darüber, wie man mit Hilfe des Internets gewünscht Ergebnisse wahrscheinlicher macht?

    Das ist die Idee der Vision einer Gemeinsamen Bewusstseinskultur http://de.consenser.org/node/1733

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