Blogosphäre in Deutschland
Einen seltsamen Text las ich heute auf netzpolitik.org. Er handelt davon, dass der Autor ein 3000 Zeichen-Textchen über die deutsche Blogosphäre schreiben soll, der in 11 (elf, eleven) [onze, once] Sprachen übersetzt werden soll. Es handelt sich laut Autor um ein komplexes Thema. Er hat keine Untersuchungen zur deutsche Blogosphäre finden können. 2007 war ja noch Robert Basic auf Platz 99 der Weltrangliste der Carnegie Mellon University gelandet.
Warum auch Studien, denn im Hype Cycle von Gartner ist Bloggen schon im Bereich commodity gelandet also “Massenware”. Die Studienproduzenten verdienen heutzutage besser mit Studien über frühere Stadien von “Technologien” oder deren Anwendungen wie Corporate Blogs. Aber eine Auseinandersetzung der alten, zumeist aufklärerischen Blogosphäre mit diesem Phänomen findet – wenn überhaupt – nur auf Marketing- oder Kostenebene statt. Keine Diskussion, in der ein demokratischer Impetus, den es manchmal bei Blogs gibt, auch als interne und exteren Kommunikationsmaßnahme die Unternehmenswelt hinsichtlich Kultur und Organisationsentwicklung beeinflussen kann. Kein Hinweis auf Uwe Knaus, der Mitte Oktober 2007 den Daimler Blog gründete. Und die Auswirkungen solcher Firmeninitiativen auf die Blogosphäre.
Kein Hinweis auf die Anfänge der Webtagebücher über Quellen wie FidoNet, UseNet oder die Netzliteraturwelt aus den Neunzigern. Kein wehmütiges Zurückschauen auf Blogs, die wir alle früher gern gelesen haben, die einfach verschwanden oder wie archäologische Artefakte stehenblieben als wäre ein radioaktiver Fallout über sie gekommen und hätte sie im Jahr 2005 oder 2007 einfach eingefroren. Historie scheint leider gar kein Steckenpferd der deutschen alpha-Blogger zu sein – auch nicht bei netzpolitik.org. Schade.
Stattdessen der alte Zahlenfetisch der Statistiker und die Kabbala-Lehre der Reichweiten, bei denen nach ausreichendem Vergleich von Zahlen irgendeine qualitative Aussage über etwas entstehen soll, dass Ausdruck hochansteckender und hochindividueller Informationswirte ist. Wenn Blogs keine Potenz haben, beschränkte und limitierte aber hoch motivierte Leserschaften aufs Trefflichste zu unterhalten und zu verbinden, was denn sonst? Wenn man sich die Mühe machen würde, und historisch diese Werkzeuge betrachtete, dann könnte man erkennen, dass die großen Schleifen durch Blogs laufen.
Frauen und Mädchen stellen Schuhe und schicke Mäntel und Taschen vor. Aber im selben Beitrag, quasi als Nebensatz wird der Ex-Freund, die Schulzeit, der Verkäufer und die gesamte Lebenswirklichkeit reflektiert. Die Männer schnallen sich kleine Elektrogeräte an ihre Extremitäten und beeindrucken ihre Geschlechtsgenossen mehr oder weniger erfolgreich. Da gilt nicht der am meisten, der am besten und fröhlichsten hungern kann. Dort wird immer so verbissen hochgeleistet, dass die Aufgabe darin besteht, außerordentlich gelangweilt auf sechs Kongressen, acht Meetings und drei Kundenpitches pro Woche von einer lustigen Begebenheit täglich im Geschäft, Hotel oder Flughafen zu berichten. Mit einem Augenzwinkern auf die eigene Kindheit und deren Spielzeug- und Warenwelt rekurrierend, kommen die Errungenschaften des Wachstums unter die Lupe der Profilneurose. Und das Kind-Ich dient als Filter und Regulativ, um die leere Leistungswelt mit menschlichem Leben zu füllen. Hier ist die Lebenswelt derart fragmentiert, dass man beim Lesen manchmal Angst um den Autor haben muss, wann der burn-out das Blog zerdeppert.
Auf der anderen Seite stehen die politisch aktiven Blogger, die eine Mission haben, die manchmal über slacktivism hinausgeht, meistens aber nur eine neue Form der Gutmenschen-Profilneurose realisiert. Und die selbst ernannten Experten für dies und das, so wie ich einer bin, die bevölkern natürlich auch das Web mit Blogs. Manche von ihnen haben eine Stimme, andere kennen jemanden mit Erlebnissen und die größte Schar unterhält täglich eine Meute von acht Lesern.
Die Klassischen Medien erkennen den Wert der deutschen Blogsphäre nicht an, schreibt der Netzpolitik-Autor markus weiter. Das blinde Hauen und Stechen der Verleger und ihrer Geschäftsführer wird ausgeblendet. Man könnte darin ein Angstbeißen erkennen oder zumindest eine Anerkennung qua Neid konstruieren. Das ist verständlich, denn:
“Dass die meisten Blogger diese Werkzeuge nutzen, um mit Freunden und Gleichgesinnten einfach nur zu kommunizieren, wird gerne übersehen. Auch fehlt oft noch der Mut bei traditionellen Medien, die neue vernetzte Kommunikationslandschaft als Ergänzung zu sehen und gemeinsam mit Lesern und Bloggern zu arbeiten.”
Also die meisten Leute, die ich kenne nutzen dazu eher twitter, E-Mail, Facebook, und neuerdings Google Wave. Blogs sind nämlich genau deswegen so gefährlich für traditionelle Medien, weil sie im Web als “traditionelle Medien” abgewertet werden. Hier könnte der historische Blick helfen, zu begreifen, dass es auch und gerade im Web eine Traditionenbildung gibt und Blogs ganz konservativ einen Wert abbilden, der eben nicht Kommunikation mit Freunden sondern themenzentrierte Konversation ermöglicht. Der wesentliche Mangel der Zeitung ist nicht das Broadcastmodell, dass aus einer Richtung alle Inhalte auf eine passive Masse niederprasseln, sondern die Tatsache, dass Journalisten nach Abschluß der Story in der Regel keine Veranlassung sehen, diese Story weiterzuspinnen. Viele marginalisierte Gruppen oder Einzelschicksale haben sich von einem Journalisten oder Autor zum ersten Mal im Leben ernst genommen gefühlt, aber nach der Publikation und dem öffentlichen Raunen nichts mehr von dem Journalisten in dieser Hinsicht erlebt. Der sogenannte Qualitätsjournalismus geht wie ein Tsunami über das Land und dann ist das Wasser wieder weg und kommt in den nächsten 12 Jahren nicht mehr wieder. Genau da können Blogs allgemein und auch deutsche Blogs einen Gegenentwurf liefern, indem sie auch und gerade marginale Themen längerfristig und tiefer betrachten.
Manchmal erfüllen und ermöglichen sie das partizipative Element. Noch wichtiger ist aber, dass sich die enorme Ausdifferenzierung der postmodernen Gesellschaft in Blogs artikuliert. Sie bilden damit den demokratischen Gegenpol zu Massenmedien, die allein deswegen Probleme haben, weil es keine Zielgruppen und Sinusmilieus mehr gibt. Jeder Mensch nimmt täglich neue Ansichten und Funktionen an und identifiziert sich nicht mehr mit einem Werte- und Normenkorsett, das ein Leben lang passen muss.
An jedem Tag wird Gesellschaft neu verhandelt. Blogs sind ein Teil dieser Verhandlung. Oft sind die kleinen und leisen Stimmen viel bedeutender als diejenigen, die mit großem Lärm das verkünden, was vermeintlich jeder zu denken und fühlen glaubt. Leider ziehen sie dadurch viele passive Trittbrettfahrer an, die nach einem kathartischen YEAH einfach weiter gehen. Wer sich in seiner Stimme vereinzelt, der hat die Chance, dem hörenden und sehenden Mitmenschen eine Orientierung zu sein – oder ein Reibungspunkt. Wer alle hinter einem Banner des Guten verbünden will, gelangt schnell an einen Punkt den die Historie als die Kraft kennt, die “Gutes will und Böses tut”. Blogs sind mindestens ein Haufen kristalliner Gedanken – manche aus Kohlenstoff, andere aus Schwefel und viele aus Staub. Aber das ist immer noch mehr als heiße Luft.
5 Kommentare
Trackbacks
- Tweets die Blogosphäre in Deutschland | digitalpublic.de erwähnt -- Topsy.com
- Sonntagslektüre(n) | Zeugs & Gedöns: kurz verlinkt
- blogoscoop » Einmal um den Blog



http://de.globalvoicesonline.org/




