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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Berater-Gefasel: In den 80ern Chaos – heute Komplexität

Kaum hat jemand erfolgreich das Thema Banken und Finanzkrise aus der Öffentlichkeit entfernt, springen auch schon die ersten virtuosen Faselmeister in die offen stehende Bresche. Es dauert für den Steuerzahler mindestens 20 Jahre, um die Schäden der Bankenkrise abzuzahlen. Schon heute verdienen die meisten Banken wieder fast soviel wie vor der Krise. Und sie haben jetzt ein bombensicheres Risikomanagement. Den Staat. Und nun treten die großen Namen auf den Plan und beginnen das große Einpeitschen wie seinerzeit als das libertäre Mantra des staatlichen Rückzugs auf allen Kanälen erklang. Der Erste, der sich aus den Büschen traut, ist der allseits beliebte Fredmund Malik, Gründer und Leiter des Malik Management-Beratungsunternehmens in St. Gallen. Auf die Frage im Interview auf buchreport.de, ob die aktuellen Bedingungen den Rahmen für Managemententscheidungen ändern, antwortet er mit einem dreifachen “Komplexität”.

Ein Mega-Trend ist die Komplexifizierung der Welt, d.h. das Entstehen der neuen Welt hochdynamischer Systeme und der Komplexitätsgesellschaft. Das bedeutet das Ende von Gewissheit, Vorhersehbarkeit und herkömmlichen Mitteln der Unternehmenslenkung.

Aha. Was genau war wann eine Gewissheit? Gab es jemals irgendjemanden, der im ökonomischen Umfeld Gewissheiten erkannt hatte? Würde das den Primat der Wahrscheinlichkeitstheorie erklären? Würde das die Binse erklären, die da sagt, der Aktienmarkt besteht zu 50% aus Psychologie? Wenn Märkte jemals vorhersehbar gewesen wären, wären wir alle Risikokapitalgeber gewesen, weil es nie ein Risiko gegeben hätte. Herkömmliche Mittel der Unternehmenslenkung werden immer dann abgeschafft, wenn neue Vorstände berufen werden. Die Unternehmenskultur einer Firma ändert sich ständig aber immer nur im Zeitlupentempo. Firmen lassen sich ähnlich lenken wie große Containerschiffe, jede Lenkbewegung wird erst mit enormer Verzögerung eine Wirkung zeigen – außer Entlassungen. Mit Verlaub, diese Erklärung ist weitgehend inhaltsleer. Deshalb wird er offenbar nochmal formuliert:

Ein weiterer Mega-Trend ist die Entstehung gänzlich neuer komplexitätsgerechter Lenkungs-, Leitung- und Führungssysteme für Organisationen.

Wirklich spannend, wird es dann in einem kleinen Zusatz, der eine postdemokratische und posthabermasche Grundhaltung verrät:

Der kleinste gemeinsame Nenner und diesem entsprechende Kompromisse genügen heute nur noch selten für die Lösung politischer Probleme.

Kaum fragt man jemanden nach Managemenentscheidungen, schon landet er bei der Politik. Man versteht langsam, warum die teuren PR-Agenturen, die man uns als politische Parteien verkauft, längst auf internationale Anwaltskanzleien zurückgreifen müssen. Denn Managemententscheidungen sind offenbar neuen Gesetze. Man nennt das auch “profit by regulation”. Die Verlage führen das gerade mit dem Leistungsschutzrecht an allen deutschen Bühnen auf.

Wirtschaft und Gesellschaft gehen durch eine Periode des vielleicht tiefgreifendsten Wandels, den es je gab. Die aktuelle Krise, in ihrer Natur weitgehend missverstanden, sind die Geburtswehen der neuen Welt.

Und was glaubt der geneigte Leser, was movens und agens dieser neuen Welt sind?

Der wichtigste Treiber des Wandels ist die immense Komplexität der vernetzten Systeme, die rund um die Welt ihre Dynamik entfalten.

Wenn jemand mehrfach auf multikausale Zusammenhänge eines ganzen Konglomerats an Teilproblemen angesprochen wird und permanent mit einem einzelnen Begriff antwortet, der auch noch derart schwammig ist, wie der der Komplexität, dann wird es Zeit, genauer hinzusehen. Der Begriff erklärt sich aus einem Modell der gesamten Welt, das man aus der Biologie entlehnt hatte. Dort führte man das große Gesamte unserer bekannten Welt, also Natur und Kultur auf Elemente und Strukturen zurück, die durch ein Etwas organisiert werden. Man erkennt daran, dass die Erklärungspotenz dieses Modells vor allem daran scheitert, dass schnell sehr viele Elemente und Strukturen zusammengefasst werden. Kategorienfehler bleiben nicht aus und was noch bedeutsamer ist, die Organisation als wichtigstes, weil ordnendes Moment kann ab einer bestimmten Menge an Elementen und Strukturen gar nicht mehr erkannt, ermessen oder in Relation gesetzt werden. Genau dann spricht man von Komplexität. Man könnte also sagen, dass die Theorie der Systeme die Grenze ihres Erklärungshorizonts im diffusen Begriff der Komplexität zur Stärke umdefiniert.

Daher erklärt sich auch, dass Komplexität je nach Wissenschaftsgebiet oder Forscher völlig unterschiedlich definiert und begriffen wird. Es scheint sich dabei eher um eine Art Glaubenscredo zu handeln. In der Wirtschaftstheorie ist Komplexitätsmanagement der Einbruch der Historie, also der Zeitleiste in das Lenkunsggeschehen, denn man erkennt darin ein Modell der Dynamik, das in der Philosophie schon lange Kontingenz heißt. Und dieses ist nichts anderes als das Eingeständnis, dass man kausale Zusammenhänge eher als zufällig denn als erklärbar darstellt. Schlichte Menschen, die nicht 5000€-Tagessatz verdienen nennen dies Ungewissheit.

Auf dieser Basis der Ungewissheit rät Malik der Medienbranche zu Folgendem:

Die Herausforderung auf einen Satz gebracht und keineswegs nur für die Medienbranche: Doppelt so gut funktionieren – mit der Hälfte des Geldes. Für herkömmliches Denken ist das zwar unvorstellbar, aber es entspricht im Kern den Leistungsfortschritten in vielen anderen Bereichen, z. B. in Technik und Medizin. Wer etwa in Kategorien des früheren Telefons denkt, wird die Welt des Handys nicht für möglich halten. Das Unmögliche von heute ist häufig der selbstverständliche Standard von morgen.

Ich denke, dass das geistige Niveau meiner Leser an dieser Stelle um einige Größeneinheiten unterschritten wird. Ich freue mich, dass Herr Malik ab jetzt die doppelte Zeit für die Hälfte des früheren Honorars arbeitet (also zwei Tage arbeiten für einen halben Tagessatz). Aber ich befürchte, dass eine Übertragung dieser genialen Idee an der Wirklichkeit scheitert. Wenn das ein berühmter Managementpapst öffentlich verbreiten läßt, dann ist klar, warum es aktuell so ist, wie es ist.

Bildnachweis: flickr

Crosspost von blogpiloten.de

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5 Kommentare

  1. Ich mag solche Leute wie Herrn Malik: sie versichern den ohnehin denkfaulen mittleren und mittelmäßigem Management, dass deren Unvermögen keines ist, sondern dass die böse (wirtschaftliche) Realität unbegreiflich und unsteuerbar ist.

    Ergo brauchen sich diese Entscheider gar nicht mehr anstrengen, sondern nur noch administrieren und abzocken. Ois is guat!

    Die smarten Software-Wizards der Wallstreet (um noch was zu den Bankern zu sagen) hatten aber durchaus das Gehirnschmalz und den Willen die widerwärtige Komplexität zu zähmen und ihr sogar eine neue Realität aufzuzwängen – die allerdings kleineren Geistern unerschließbar blieb.

    Wissen ist nicht nur Macht, sondern auch viel Geld.

    Im Falle des Sankt Gallers und seinen Scheinheiligen ist es eben ebenso: sie verkaufen kleiner Häppchen ihrer Realitäten an Mindergläubige für viele Ablaßeuronen.

    Seelig sind die Business Masters denen so jegliche Last und Mitschuld wegconsulted wurde …

    Amen!

  2. “Selbstorganisation ist schließlich keine Schwimmweste …”

    “You made my day”, wie Ovid einst sagte, als er…

  3. Ob von diesen ‘terribles simplificateurs’ irgendjemand komplexe Systeme en gros und en détail überhaupt verstehen will, das bezweifle ich stark. Es ist eher ein Mantra: Die Systeme wissen besser als ihre Beobachter, was gut für ihre Entwicklung ist, also müssen wir – yippie! – auch nicht mehr intervenieren. Laisser faire in Theorieform.

    Darüber hinaus ist die (so oft missverstandene) Systemtheorie ein perfektes Schaukelpferdchen für neoliberale Politik: Wo kein Steuermann für die ablaufende ‘Selbstorganisation’ erforderlich ist, braucht es auch keinerlei ‘Regulierung’ durch übergeordnete staatliche Stellen. Vergessen wird, dass auch selbstorganisierende Systeme schon Knall auf Fall untergegangen sind. Selbstorganisation ist schließlich keine Schwimmweste …

  4. Naja, von hause aus ist die Kontigenz ja lange vor der Komplexität entstanden. Die Anhäufung von Elementen und Strukturen wird ja erst dann zur Komplexität, wenn man alle Einzelteile auf einmal verstehen will und dabei hofft, in der Summe ein Zusatzwissen über das Ganze zu erlangen. Das Projekt der Systemtheorie im Detail und en gros entlarvt sich jedoch schnell als eine recht überschaubare Mengenlehre mit besonderer Berücksichtigung der Analysis, also ein Konglomerat an Steigungsbestimmungen und Flächenberechnungen, das in der Folge einen Gesamtalgorithmus erzeugen soll, der die einzelnen Parameter in einer neuen Dimension aufheben soll. Tsss…

    Es fehlt noch immer Heideggers Aufforderung, die Zeit einzubauen. Ohne historische Dimension ist das alles Plumpaquatsch und das Wissen sie, deshalb faseln sie auch ständig von Zukunftsmodellen – ihnen ist bewußt, das sowohl Chronos als auch Kairos ein gewaltiges Wörtschen mitreden, aber das eine ist ihnen zu nietzeanisch und das andere zu solipsistisch…

  5. Wenn Systeme hyperkomplex werden, also so etwas wie Eigenwillen entwickeln, dann kommt es bekanntlich zu Erscheinungen wie ‘Emergenz’ und ‘Kontingenz’. Anders ausgedrückt: Der blanke Zufall regiert. Wenn das wiederum so ist, können wir uns die ganze Branche der Management-Berater, der Öchsperten und anderen Eingeweidebeschauer schlicht schenken. Dumm gelaufen, Herr Malik …

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